ttt - Titel Thesen Temperamente, ARD, 03.02.08



aspekte, ZDF, 18.01.08, "Ein Tenor erobert die Welt"



"Eine große Nachtmusik", Götz Alsmann, ZDF, 16.05.08

Über mich

Über mich wird meist so berichtet, als sei ich schon immer ein erfolgreicher Künstler gewesen, doch in Wahrheit war lange zweifelhaft, ob ich überhaupt Gesang studieren will und später dann war erst einmal kein wirklicher Erfolg absehbar. Während meines ersten Engagements in Saarbrücken habe ich sogar mit dem Gedanken gespielt, den Beruf aufzugeben. Ich steckte mitten in einer Stimmkrise, hatte bei verschiedensten Lehrern Rat gesucht und keiner konnte mir wirklich nachhaltig helfen. An manchen Abenden war ich kaum sicher, die Vorstellung mit Anstand hinter mich bringen zu können und Opernhäuser wie "La Scala" oder die MET waren gefühlt ungefähr so weit weg wie der Mond.


So hat alles angefangen:
Musikalisch geprägt wurde ich schon ganz früh und sicher habe ich die tiefe Liebe zur klassischen Musik meinen Eltern, meiner Familie zu verdanken. In München Bogenhausen wohnten wir ganz bürgerlich in einer Mietwohnung, im fünften Stock eines damals neueren Wohnblocks; mein Großvater wohnte im selben Haus. Meine Mutter, Kindergärtnerin von Beruf, kümmerte sich um meine ältere Schwester und mich, mein Vater arbeitete bei einer Versicherung. Im Wohnzimmer standen die Langspielplatten meines Vaters, ausschließlich Klassik, darunter viele symphonische Werke: Bruckner, Mahler, Schostakowitsch und Rachmaninov - nicht unbedingt sanfte, eingängige oder gar leichte Musik. Natürlich hatte er auch Mozart, Schubert, Haydn und ebenso standen Opern in den Fächern der Schrankwand. Sonntag morgens hörten meine Schwester und ich gerne Musik, wir durften uns etwas wünschen und saßen dann auf dem braunen Sofa – das liebten wir.


Wir hatten auch ein Klavier und ich bekam einmal wöchentlich Unterricht, als ich etwa acht Jahre alt war fing ich damit an, aber irrsinnigen Spaß hat es mir nicht gemacht. Mein Großvater dagegen setzte sich häufig ans Klavier, spielte meistens Wagner– ganz schön schwer übrigens– und dazu sang er ebenso begeistert wie selbstverständlich die Sängerpartien. Auch die Frauenstimmen, diese dann im Falsett (Erklg.: wenn Männer mit hoher Kofpstimme singen). Seine Begeisterung für Wagners Musik hat er mir wohl auf diese Art mitgegeben, quasi geschenkt.


In die Oper durften wir, meine fünf Jahre ältere Schwester und ich schon früh gehen, denn es gab an der Bayerischen Staatsoper München immer besondere Kindervorstellungen.


Als ich in die Grundschule kam ging ich dort in den Kinderchor.
Wir hatten einen sehr umtriebigen Singleiter, der an mehreren Schulen unterrichtete und so standen wir Zwerge aus den verschiedenen Chören dann alle zusammen im Dezember auf dem Marienplatz, vor dem Münchner Rathaus und sangen Weihnachtslieder für die Passanten. Bei anderen Gelegenheiten gaben wir Volkslieder in heimatlich bayerischer Mundart wie beispielsweise „Springt der Hirsch über’n Bach“ oder „Aufm‘ Baum singt a Zeisl“ zum Besten.


Im humanistischen Gymnasium sang ich wieder im Schulchor, von Anfang an und sogar durchgängig in der ganzen Schulzeit, ich hatte nicht einmal eine Unterbrechung durch den Stimmbruch.


Die letzten zwei Schuljahre waren für mich in zweierlei Hinsicht ziemlich wichtig: Erstens wurde ich zum Leistungskurs Musik überredet und zweitens stand ich mit dem Extrachor des Gärtnerplatztheaters zum ersten Mal in meinem Leben auf einer Opernbühne.


Mit dem Abitur in der Tasche folgte ich dem Rat meiner Eltern und schrieb mich in München zum Mathematikstudium ein. Was “Solides“, “Gscheit’s“ halt sollts sein – etwas, wo man später sicher eine Anstellung kriegt, so wie mein Vater, der ein ordentliches Auskommen bei der Versicherung hatte und für seine Familie sorgen konnte. Familie wollte ich auch und mir war ebenso klar, dass berufliches Singen ein ziemliches Wagnis ist, auch weil man ganz besonders abhängig von seiner Gesundheit ist und schon eine kleine Erkältung arbeitsunfähig macht. Ausserdem hatte ich bereits einige Chorsänger kennengelernt, die gerne erfolgreiche Solokünstler hatten werden wollen.


Ein paar Semester habe ich das Mathematikstudium durchgehalten, aber die Gewissheit, dass ich nicht zum Theoretiker, zum Schreibtischmenschen geboren bin, wurde immer größer. Ich versuchte die Aufnahmeprüfung für das Gesangsstudium und bestand auf Anhieb. Es kostete mich dann noch ein ganz schönes Stück Mut, den Entschluß auch wirklich zu fassen und die sichernde Mathematik an den Nagel zu hängen. So begann ich im Sommer 1989 meine Ausbildung zum Opern-und Konzertsänger an der Hochschule für Musik und Theater in München.


Während des Studiums hatte ich die Möglichkeit an der Bayerischen Staatsoper in kleineren Rollen aufzutreten; “Wurzen“, wörtlich übersetzt soviel wie “Zwerge“, werden diese Minipartien intern genannt, bei denen man ein bis zwei Sätze singen darf.


Die erste richtige Opernrolle habe ich noch während des Studiums an der Regensburger Oper singen können – dazu war extra eine Sondererlaubnis nötig, denn es handelte sich um ganze 36 Vorstellungen.


Als Caramello, Leibbarbier des Herzogs, stand ich in Johann Strauss komischer Operette „Eine Nacht in Venedig“ auf der Bühne und konnte erstmals das Gefühl richtig Auskosten eine richtig große Rolle zu Singen und zu Spielen – abgesehen davon, dass ich meinen grünen Golf richtig lange mit der Gage betanken konnte. Wenn mal eine größere Reparatur anstand, konnte ich das prima mit meinen Verdiensten von BMW bezahlen, dort jobbte ich im Fahrservice; durfte einen coolen dunklen Anzug tragen und die tollen, großen 7er Limousinen fahren, voll ausgestattet mit Ledersitzen und allem, was das Herz begehrt. Allerdings gab es eine Bedingung: meine Haare waren zu lang, ich musste sie abschneiden.


Vermittelt von der ZBF, der Zentralen Bühnen-, Fernseh- und Filmvermittlung, einer staatlichen Institution, der alle deutschen Staatstheater angeschlossen sind, bekam ich direkt nach meinem Studienabschluss, im Sommer 1994 am Staatstheater Saarbrücken ein festes Engagement. Vertragsgemäß sang ich meine ersten größeren Gesangspartien und wie jeder Berufsanfänger wurde ich routinemäßig eingeteilt, eben für alles, was so auf dem Spielplan steht, auch Musical und Operette. Das war eine Art zweijähriger Gesellenzeit, in der ich Repertoire gelernt, mich auf der Bühne freigespielt und viel an meiner Stimme gearbeitet habe. Nach der ersten Spielzeit merkte ich, dass ich zunehmend Probleme mit meiner Stimme bekam.


Im Sommer 1996 kam ein Angebot des Staatstheaters, meinen festen Vertrag weiter zu verlängern und ich lehnte ab. Das Risiko war mir bewusst und ganz wohl war mir nicht dabei, ehrlich gesagt, denn erstmal hatte ich ja auch überhaupt kein Engagement. Doch ich wollte nicht mehr fremdbestimmt arbeiten, die Rollenauswahl statt dessen selber treffen. Sie sollte einfach zu meiner Stimmentwicklung passen, mich weder über- noch unterfordern. Das ist vergleichbar mit einem Leistungssportler, der muss sich auch immer nach seinem aktuellen Trainingsstand neu ausrichten.


Besonders gefreut hat mich das Angebot aus Trier, dort im November 1996 die Uraufführung von der „Glasmenagerie“, vertont von Antonio Bibalo zu singen. Interessiert hatte ich mich neben den Klassikern auch im Studium schon für Modernes. Das wunderschöne Werk des Italo-Norwegers war und ist relativ unbekannt und die Aufführung wurde vom “Medienstrom“ leider kaum zur Kenntnis genommen .


Aber dann bekam ich die Chance an der Stuttgarter Staatsoper zu singen, ein Haus mit hervorragendem Ensemble und innovativem Spielplan, just mit dem Titel „Opernhaus des Jahres“ ausgezeichnet. Im November 1997 habe ich dort in der Partie des arabischen Gelehrten Edrisi in der Oper „König Roger“ von Karol Szymanowski debütiert.


Wenig später begann die Probenzeit für meine erste internationale Produktion: Cosí fan tutte von Mozart am Piccolo Theatro in Mailand mit dem großen Giorgio Strehler. Die Arbeit mit diesem Genius war für mich ein absolutes Privileg – umso größer war die Trauer des gesamten Ensembles als Strehler kurz vor Ende der Regiearbeiten im Dezember 1997 starb.


Mit den Partien, die ich in der Folgezeit dann in Stuttgart gesungen habe, konnte ich die Grundsteine legen für meine späteren Erfolge: der Graf Almaviva im Barbier von Sevilla und die “kleinere Tenorpartie“ Jaquino in Beethovens Fidelio aus dem lyrischen Repertoire. Im italienischen Fach gab man mir die Tenorhauptrolle des Alfredo in Traviata. Da ich damals noch keine Erfahrung in dem Bereich hatte, war das ein echter Vertrauensbeweis.


Auch am Liedgesang arbeitete ich weiter, konnte die gemeinsame Arbeit mit meinem vormaligen Professor an der Münchner Hochschule, Helmut Deutsch fortsetzen. Neben der anspruchsvollen sängerischen Gestaltung ist der Liedvortrag für mich wie ein Zwiegespräch zwischen Sänger und Klavierbegleiter, lebt gewissermassen von der „Poesie des Augenblicks“ und bringt immer wieder neue Zwischentöne zum Klingen. Mittlerweile sind Helmut und ich Freunde geworden, haben schöne gemeinsame Konzerte gemacht, von Edinburgh bis Tokyo, von Schubert bis Strauss und freuen uns schon auf die nächsten gemeinsamen Projekte.


Dann hörte Alexander Pereira von mir, der schon seit 1991 Intendant des Opernhauses Zürich war und es zu seiner Aufgabe gemacht hatte, junge Talente zu fördern. Er lud mich ein und so sang ich im September 2000 zur Saisoneröffnung die Rolle des Florestano in Ferdinando Paërs Leonora; wenig später kam das Angebot für einen festen Vertrag. Das große Plus am Zürcher Opernhaus ist das herausragende internationale Ensemble, geführt von Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt und Franz Welser-Möst. Dort konnte ich mein Repertoire im Lauf der Jahre um etliche Rollen erweitern.


Und mir bleibt bei allen Verpflichtungen in der Schweiz noch genug Zeit, um Einladungen an andere Theater oder zu Konzerten annehmen zu können.


2001 holte mich William Mason, der umtriebige Chef der Lyric Opera Chicago, zum ersten Mal nach Amerika – für die Rolle des Cassio in Othello.


Wichtig war dann die Einladung zu den Salzburger Festspielen 2003 von Peter Ruzicka für die Partie des Belmonte in Mozarts Entführung aus dem Serail. Die Regiearbeit des jungen Norwegers Stefan Herheim rief beim Publikum heftige Kontroversen hervor, was es für uns Sänger schwierig machte, eine gute Leistung zu bringen. Mittlerweile ist Herheim international aber sehr erfolgreich, wurde 2008 für seinen Parsifal sogar vom Bayreuther Publikum bejubelt.


Der größte Schritt meiner bisherigen Laufbahn kam im Februar 2006: das Debut als Alfredo in La Traviata an der Metropolitan Opera in New York. James Levine, Chefdirigent der MET hatte mich in München zum Vorsingen eingeladen und dann empfohlen. Für mich als Deutscher war es ein absolut einmaliges Erlebnis, im “Sängerolymp“ diese Partie aus dem italienischen Fach zu singen .


Die fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Dirigenten der New Yorker Produktion, Marco Armiliato sollte wenig später fortgesetzt werden in der Einspielung meines ersten Soloalbums „Romantic Arias“.