Texte zu Verismo Arias
Antonio Pappano über das Verismo-Album:
„Ridi, Pagliaccio!“, „Lache, Bajazzo!“ – das ist keine Arie und schon gar keine Nummer fürs Wunschkonzert. Es ist der Aufschrei einer gequälten Seele, die Essenz des Verismo, des Realismus in der Oper. Nicht das Schöne und Edle steht hier im Mittelpunkt, sondern das Grausame und Gemeine: Eifersucht und Hass, Neid und Gewalt, Mord und Totschlag. Das alles zum Ausdruck zu bringen, ohne dabei in einen naturalistischen Sprechgesang zu verfallen ist die besondere Herausforderung, die der Verismo an jeden Sänger stellt. Enrico Caruso war der erste, der es verstand, das scheinbar Gegensätzliche miteinander zu verbinden: Klassische Gesangstechnik mit modernem Stil, üppigen Wohllaut mit stärkster Ausdruckskraft, unerschütterliche Musikalität mit der sprachlichen Prägnanz eines Schauspielers. Seine Aufnahme von „Ridi, Pagliaccio“ ist nicht nur das zentrale Tondokument des Verismo; mit ihr wurde die Schallplatte zum Massenmedium. Seither haben alle berühmten Tenöre diesen dramatischen Monolog aufgenommen, und jeder, der sich hier heranwagt, stellt sich dem Vergleich mit den Größten der Vergangenheit. Als ich diese Szene mit Jonas Kaufmann einspielte – es war das Herzstück seines neuen Albums mit Verismo-Szenen –, war ich wahrscheinlich aufgeregter als er selbst. Da ich mit diesen Arien aufgewachsen bin, weiß ich, wie höllisch schwer das zu singen ist. Aber Jonas war schon beim ersten Take so gut in Form, dass ich mich voll auf die Musik konzentrieren konnte. Er hat das mit so viel Ausdruck und Gefühl, mit so vielen Farben gesungen, dass es eine Wonne war, mit ihm zu musizieren. Zudem beherrscht er alle Feinheiten der italienischen Sprache; wenn er singt, wird das Studio schlagartig zur Bühne. Er singt nicht Noten – er agiert mit der Stimme. Und genau das ist es, was seine Aufnahme von „Ridi, Pagliaccio“ auszeichnet. Wenn man sie hört, hat man die Szene en détail vor Augen: die Verzweiflung des alternden Komödianten, der soeben erfahren hat, dass seine junge attraktive Frau ihn betrügt. Als die Szene im Kasten war, haben wir uns gefreut wie die kleinen Kinder.
(Auszug aus dem Buch von Thomas Voigt: „Jonas Kaufmann: Meinen die wirklich mich?“)
Accademia di Santa Cecilia
Accademia Nazionale di Santa Cecilia, eines der ältesten Musikinstitute der Welt, gegründet 1585 von Papst Sixtus V., benannt nach der Heiligen Caecilia, der Schutzpatronin der Kirchenmusik. Seit 1895 unterhält die „Acamedia“ ein eigenes Orchester, das auch in zahlreichen Opern-Aufnahmen dokumentiert ist.
Riccardo Zandonai
Riccardo Zandonai (1883-1944), italienischer Komponist und Dirigent, Schüler von Pietro Mascagni, des Autors von „Cavalleria rusticana“. Von seinen elf Opern ist „Francesca da Rimini“ (nach der Tragödie von Gabriele d’Annunzio) die heute bekannteste, nicht zuletzt durch die DVD-Veröffentlichung der Met-Produktion mit Renata Scotto und Plácido Domingo.
„anderen Bohème“ von Ruggero Leoncavallo
Die „andere Bohème“ von Ruggero Leoncavallo (1857-1919) wurde ein Jahr nach der Puccini-Version uraufgeführt, 1897 im Teatro la Fenice in Venedig. Trotz fünf Gesamtaufnahmen (darunter eine Version mit Lucia Popp) ist die Oper bis heute im Schatten des weltweiten Puccini-Erfolges geblieben und harrt ihrer Wiederentdeckung auf internationalen Bühnen.
„I Lituani“ von Amilcare Ponchielli
Als Lehrer von Pietro Mascagni und Giacomo Puccini stellt Amilcare Ponchielli (1834-1886) quasi den Wegbereiter des Verismo dar. Seine Oper „La Gioconda“ gehört zum Standard-Repertoire, vor allem wegen der Tenor-Arie „Cielo e mar“ und der berühmten Ballett-Einlage „Tanz der Stunden“, die durch Walt Disneys Zeichentrick-Film „Phantasia“ ungeheure Popularität erlangte. Seine übrigen Opern, darunter „I Lituani“ (1874), sind trotz bedeutener Qualitäten in Vergessenheit geraten.
Licinio Refice
Licinio Refice (1885-1954), italienischer Komponist, Priester und Lehrer. Sein bekanntestes Werk ist die Oper „Cecilia“, die 1934 in Rom von der Verismo-Diva Claudia Muzio aus der Taufe gehoben wurde.
Claudia Muzio
Claudia Muzio (1889-1936), italienische Sopranistin. Wegen ihrer Ausdruckskraft als Sängerin und Darstellerin wurde sie von Zeitgenossen „die Duse der Oper“ genannt. Sie gilt als eine der bedeutendsten Sängerinnen des Verismo. Viele ihrer Aufnahmen haben in Sammlerkreisen Kult-Status, darunter Refices „Ombra di nube“ (http://www.youtube.com/watch?v=LVcIBzMgTaQ) und „Addio del passato“ aus „La Traviata“ (http://www.youtube.com/watch?v=Un1sHjSP8VE).
