Texte zu Lohengrin von Thomas Voigt

„Mein lieber Schwan“

 

Wagner-Zitat, das in den alltäglichen Sprachgebrauch übergegangen ist, als Ausruf der Überraschung oder Bekräftigung wie „Donnerwetter!“ oder „Meine Herrn!“ In der Oper kommt es an zwei Stellen vor: Bei Lohengrins Abschied vom Schwan im ersten Akt („Nun sei bedankt, mein lieber Schwan“) und bei der Wiederkehr des Schwans am Ende der Oper („Mein lieber Schwan, ach diese letzte Fahrt, wie gerne hätt ich sie dir erspart“).

Der Schwan, der Lohengrin im Kahn herbeizieht, ist ein verzauberter Prinz: Gottfried, der zukünftige Herrscher von Brabant. Verzaubert hat ihn eine Frau, die für sich die Macht im Land beansprucht, die Heidin Ortrud. Sie und ihr devoter Ehemann, der Graf von Telramund, klagen die Schwester des Prinzen an: Elsa soll den Jungen ermordet haben. Sie steht vor Gericht und hofft auf einen Verteidiger. Das ist die Situation, als der Schwanenritter Lohengrin auftaucht, um die verfolgte Unschuld zu schützen.

 

Wagner über Ortrud

 

„…dass Ortrud ein Weib ist, das – die Liebe nicht kennt. Hiermit ist Alles, und zwar das Furchtbarste, gesagt. …Sie ist eine Reaktionärin, eine nur auf das Alte bedachte und deshalb allem Neuem Feindgesinnte, und zwar im wüthendsten Sinne des Wortes: sie möchte die Welt und die Natur ausrotten, nur um ihren vermoderten Göttern wieder Leben zu schaffen. Aber dieß ist keine eigensinnige, kränkelnde Laune bei Ortrud, sondern mit der ganzen Wucht eines … weiblichen Liebesverlangens nimmt diese Leidenschaft sie ein: und daher ist sie furchtbar großartig. Nicht das mindeste Kleinliche darf daher in ihrer Darstellung vorkommen: niemals darf sie etwa nur maliciös oder piquirt erscheinen; jede Äußerung ihres Hohnes, ihrer Tücke, muß die ganze Gewalt des entsetzlichen Wahnsinns durchblicken lassen, der nur durch die Vernichtung Anderer, oder – durch die eigene Vernichtung zu befriedigen ist.“

Richard Wagner an Franz Liszt, 30. Januar 1852

 

Wagner steckbrieflich gesucht

 

Die von Franz Liszt einstudierte Uraufführung des „Lohengrin“, 1850 in Weimar, konnte Wagner nicht miterleben. Er hatte sich im Frühjahr 1849 aktiv am Dresdner Maiaufstand beteiligt, wurde nach Niederschlagung der Volksunruhen von der Polizei steckbrieflich gesucht und hielt sich als politischer Flüchtling in der Schweiz auf.

„Er, der aus gegebenem Anlaß den Ort hatte verlassen müssen, wo er mit der Oper zugleich die Gesellschaft revolutionieren wollte, muß sich in unwohler Gesellschaft mit dem Schwanenritter gefühlt haben, der als revolutionärer Träger eines neuen Herrschaftsprinzips erscheint und als Geschlagener die Stätte seines Auftritts verlassen muss.“ (Ulrich Schreiber, Opernführer für Fortgeschrittene, Kassel 1991).

 

Über das Vorspiel

 

"Das Vorspiel zu ‚Lohengrin’ ist vielleicht das gelungenste, inspirierteste Stück Musik aus Wagners Feder. Es führt uns in das Reich des Lichtes, der Wahrheit und der Schönheit, aus dem der Ritter Lohengrin zur Rettung der schönen, verleumdeten Elsa herabgestiegen ist. Hier hat Wagner zum erstenmal jenen wirkungsstarken Orchestereffekt angewendet, dessen sich seitdem alle zeitgenössischem Komponisten bedienen, wenn sie tief poetische Momente musikalisch ausdrücken wollen. Sogar der ruhmreiche Maestro Verdi verachtete es nicht, bei Wagner zu entlehnen, um das letzte Schmachten der sterbenden Traviata auszudrücken. Dieser Effekt besteht in der Verwendung der Streichinstrumente in den höchsten Lagen. Bemerkenswert ist die erstaunliche Meisterschaft, mit der Wagner das innige helle Thema, das den Gral symbolisiert, in allmählicher dynamischer Steigerung bis zum ohrenbetäubenden Fortissimo führt und danach wieder schrittweise zum Ursprung zurückleitet, bis es schließlich in den äußersten Höhen der Streicher verklingt.“

Pjotr I. Tschaikowsky (1871)

 

„Den ganzen ‚Tristan’ könnte ich nicht mehr aushalten. Wohl aber den ‚Lohengrin’, dessen Vorspiel vielleicht das wunderbarste ist, was er überhaupt geschrieben hat, und den ich in seiner blau-silbernen Schönheit wohl immer noch am innigsten liebe – es ist echte, bleibende, bei jedem Kontakt sich erneuernde Jugendliebe. Ich habe noch eine alte Platte von der ‚goldischen Delia’ ** … als Elsa mit dem ‚Einsam in trüben Tagen’. Und bei dem Einsatz der pp-Trompete, wenn es heißt: ‚In lichter Waffen Scheine – ein Ritter nahte da’, bin ich jedes Mal helles Entzücken wie mit achtzehn Jahren – es ist der Gipfel der Romantik.“

Thomas Mann an den Bühnenbildner Emil Preetorius (1949)

** Delia Reinhardt, Sopranistin

 

Untertan und Übermensch

 

„Elsas ausgesprochen germanischer Typ, ihr wallendes blondes Haar, ihr gutrassiges Benehmen boten von vornherein gewisse Garantien. Diedrich fasste sie ins Auge, sie sah herauf, sie lächelte lieblich. Darauf griff er nach dem Opernglas, aber Guste entriß es ihm. ‚Also die Merée ist es?’, zischte sie; und da er vielsagend lächelte: ‚Einen feinen Geschmack hast du, ich kann mich geschmeichelt fühlen. Die ausgemergelte Jüdin!’ – ‚Jüdin?’ – ‚Die Merée, selbstredend, sie heißt doch Meseritz, und vierzig jahre ist sie alt.’ – Betreten nahm er das Glas, das Guste ihm höhnisch anbot, und überzeugte sich. Naja, die Welt des Scheins ….

Diederich hatte den Mund offen und so dummselige Augen, dass Guste heimlich einen Lachkrampf bekam. Jetzt war er so weit, alle waren so weit, jetzt konnte Lohengrin kommen. Er kam, funkelte, schickte den Zauberschwan fort, funkelte noch betörender. Mannen, Edle und der König unterlagen alle derselben Verblüffung wie Diederich. Nicht umsonst gab es höhere Mächte… Ja, die allerhöchste Macht verkörperte sich hier, zauberhaft blitzend. Ob Schwanen- oder Adlerhelm: Elsa wusste wohl, warum sie plumps vor ihm auf die Knie fiel…“

Aus: Heinrich Mann, Der Untertan (1914, veröffentlicht 1918)

 

Wagners „italienischste Oper“

 

In den Jahrzehnten nach der Uraufführung hatte „Lohengrin“ seine größten Erfolge in Italien. Und auch außerhalb Italiens wurde die Oper zunächst in italienischer Sprache aufgeführt, so in London und Dublin, New York und New Orleans, Nizza und Lissabon. Wagner selbst bezeichnete „Lohengrin“ als sein „italienischstes Werk“. Kein Wunder, dass „Lohengrin“ damit zum Schmerzenskind der orthodoxen Wagnerianer wurde – und im Bayreuth von Cosima und Siegfried Wagner, zwischen 1883 und 1930, nur ganze drei Festspielsommer erlebte.

 

Bayreuth 1936

 

Erst 1936, nach einer Abstinenz von 27 Jahren, kam „Lohengrin“ bei den Bayreuther Festspielen wieder heraus, und diesmal ganz groß: Als Beitrag zum Olympia-Jahr und zur 1000-Jahr-Feier des Deutschen Reiches. Winifred Wagner, seit dem Tod von Siegfried Wagner (1930) die Chefin von Bayreuth, wollte dem „Führer“ ein besonderes „Geschenk“ machen und bot eine Spitzenbesetzung auf: Heinz Tietjen als Regisseur, Wilhelm Furtwängler am Pult und Franz Völker als Lohengrin.

 

Zeit und Ort erwecken Argwohn: War dieser „Lohengrin“ die Ouvertüre zu den Olympia-Filmen von Leni Riefenstahl? Doch der Mitschnitt vom 19. Juli 1936 dokumentiert keine reichsdeutsche Siegesfeier, sondern eine musikalische Sternstunde - die Verbindung von italienischer Gesangskultur und deutscher Sprache, von Belcanto und Wagner.

 

Nach der Premiere nahm Völker einige Highlights für Telefunken auf; sie gelten seit Jahrzehnten als maßstäblich. Im Kapitel „Erlösung für Wagner“ schreibt „Sänger-Papst“ Jürgen Kesting: „Völkers Lohengrin .. gehört zu den erfüllten Momenten des Wagner-Gesangs. Die Phrasierung ist beredt und ausdrucksvoll, der Ton von blühendem lyrischen Zauber.“ (Kesting, Die großen Sänger, Hamburg 2008, 4 Bände).

 

Mit „Erlösung für Wagner“ ist der Abschied von jenem Sprechgesang gemeint, den Wagners Witwe Cosima in Bayreuth kultiviert hatte, und den George Bernhard Shaw als „Bayreuth Bark“ bezeichnete, als Bayreuther Gebell.

 

Neu-Bayreuth und Sandor Konya

 

Wagner-Enkel Wieland, der als Festspielleiter und Regisseur ab 1951 mit revolutionären Inszenierungen das „Neue Bayreuth“ prägte, versuchte mit seiner ersten Bayreuther „Lohengrin“-Inszenierung (1958) an den „Belcanto-Wagner“ Franz Völkers anzuknüpfen: Er engagierte den ungarischen Tenor Sandor Konya, der bis dahin vor allem in italienischen Partien hervorgetreten war.

 

Die überragenden Qualitäten Konyas sind in zwei Mitschnitten zuhören: in der Premiere unter André Cluytens (Myto, 3 CDs) und in der Reprise von 1959 unter Lovro von Matacic (Orfeo, 3 CDs). Zwar trägt Konya die tenorale Träne manchmal zu sehr in der Stimme und klingt dann eher nach Puccini – doch scheint seine italienische Stimmführung der Rolle des Schwanenritters viel eher angemessen als der gebremste Ton von Heldentenören, die auf „leicht und leise“ schalten.

Zusätzlich attraktiv werden diese Mitschnitte durch Konyas Partnerinnen. In der 1958er Aufführung ist mit Leonie Rysanek und Astrid Varnay ein ausgesprochen starkes Frauen-Gespann zu hören, das den Konfrontationen vor dem Münster und dem Ende der Brautgemach-Szene außergewöhnliche Dramatik verleiht (Myto, 3 CDs).

In der 1959er Reprise unter Lovro von Matacic, klingt Elsa wesentlich lyrischer: Elisabeth Grümmer ist der vokale Inbegriff der schönen Seele. Rita Gorr, die neue Ortrud, gebietet zwar nicht über die gefährliche Rhetorik einer Varnay, dafür aber über eine der prachtvollsten Mezzostimmen des 20. Jahrhunderts (Orfeo, 3 CDs).

 

„Schützer“ statt „Führer“

 

„Seht da, den Herzog von Brabant!

Zum Führer sei er euch ernannt!“

So lauten Lohengrins letzte Worte. In der bislang einzigen Gesamtaufnahme aus den USA (sie entstand 1965 in der Boston Symphony Hall) singt Sandor Konya „Schützer“ statt „Führer“, und so steht es auch im Booklet der LP-Ausgabe.

 

Trotz Sandor Konya und Rita Gorr ist diese von Erich Leinsdorf dirigierte Einspielung ein Außenseiter geblieben: Klangtechnisch prachtvoll (vor allem an den Massen-Szenen werden HiFi-Fans ihre Freude haben) doch stilistisch zu uneinheitlich.

 

Aufnahme für die einsame Insel

 

Als Referenz-Aufnahme aber gilt nach wie vor die Studio-Produktion mit den Wiener Philharmonikern unter Rudolf Kempe (EMI 1962/63, 3 CDs). Für mich ist dies der „Lohengrin“ für die einsame Insel, auch wenn Jess Thomas in der Titelrolle nicht über den Schmelz und die Italianità eines Sandor Konya verfügt; er klingt wesentlich spröder, kompensiert aber vieles durch gestalterische Intelligenz.

Elisabeth Grümmer hat noch mit 51 Jahren den reinen, fast mädchenhaften Ton für die verfolgte Unschuld, wahrhaft königlich klingt Gottlob Frick als Heinrich der Vogler.

 

Vor allem aber erlebt man hier ein grandioses böses Paar: Christa Ludwig und Dietrich Fischer-Dieskau. Für damalige Verhältnisse war das eine ungewöhnliche Besetzung. Denn meist wurden Ortrud und Friedrich von Telramund von einer Brünnhilde und einem Wotan gesungen.

Ludwig und Fischer-Dieskau hingegen gestalten mit den Finessen des erfahrenen Lied-Interpreten - wobei die Ludwig mit dem sinnlichen Klang ihrer Stimme keinen Zweifel daran lässt, dass die „süßen Wonnen“, die sie ihrem Gatten verheißt, durchaus nicht nur mit Rachegefühlen zu tun haben. Ich kenne keine Ortrud, die zugleich so sexy und so gefährlich klingt wie sie, auch keine, die die dramatischen Ausbrüche mit solcher Lust und Verve gesungen hat.

 

Die Komplementär-Farben zu diesem starken Gespann erlebt man in einer Studio-Aufnahme, die oft zu Unrecht unterschätzt wurde, in der Hamburger Produktion unter Wilhelm Schüchter von 1953 (EMI, 3 CDs). Als Ortrud agiert Margarete Klose mit der raffinierten Rhetorik der Realpolitikerin; und Josef Metternich, seinerzeit Deutschlands bester italienischer Bariton, hat den besten Beweis dafür geliefert, wie aufregend die Partie des Telramund klingen kann, wenn man sie nicht zur Hälfte spricht, sondern wirklich singt. Zudem hört man hier Rudolf Schock in seiner besten Zeit: Mit lyrischem Ton und feiner Mezzavoce, die an sein großes Rollen-Vorbild Franz Völker erinnern (Schock erlebte den 1936er „Lohengrin“ als Sänger im Bayreuther Festspielchor).

 

„Wann geht der nächste Schwan“?

 

Einer der berühmtesten Darsteller des „Lohengrin“ war Leo Slezak (1873-1946), ein „Mammuttenor vorsintflutlicher Größe“, wie ein zeitgenössischer Journalist schrieb. Mit einer Körpergröße von 195 cm und einem Gewicht von etwa 150 kg war er auch optisch eine markante Erscheinung. Ebenso legendär wie seine Stimme waren sein Komödiantentum und seine Schlagfertigkeit. Etliche Slezak-Anekdoten sind noch heute im Umlauf. Zum Beispiel die Geschichte von der „Lohengrin“-Aufführung, bei der ein Bühnentechniker den Schwan wieder in Bewegung setzte, bevor der Tenor aufgestiegen war. Slezak soll daraufhin ins Publikum gerufen haben: „Entschuldigen Sie, wann geht der nächste Schwan?“

 

Slezaks Mutterwitz kam nicht immer gut an, vor allem nicht bei seinem Tenor-Rivalen Erik Schmedes. „Also, ich weiß nicht, was die Leute wollen“, meinte Slezak nach dem ersten Akt „Walküre“ zu Schmedes, „Mir hast du gefallen!“

Einmal soll Slezak mit verstellter Stimme bei Schmedes angerufen haben: „Bitte, Herr Kammersänger, singen Sie die nächste Vorstellung von ‚Lohengrin’? – „Ja natürlich!“ – „Gut dann warte ich, bis der Slezak singt.“

„Slezak ist nur ein Sänger, mein Vater ist ein Künstler“, soll Schmedes’ Tochter Dagmar gesagt haben. Als Slezak das zu Ohren kam, meinte er trocken: „Wenn der Schmedes das hohe C hätt, wär er auch lieber nur ein Sänger!“

 

Der amerikanische Lohengrin und Hans Knappertsbusch

 

Noch bevor sich Jess Thomas und James King als erstklassige Wagnertenöre qualifizierten, war in München ein amerikanischer Lohengrin zu hören, der dazu neigte, konsequent einen Viertelton zu tief zu singen – was Hans Knappertsbusch, den legendären Dirigenten mit dem Hang zur Fäkalsprache, zu dem oft zitierten Ausspruch hinriß: „Man sollte dem Columbus doch aufs Grab scheißen, dass er Amerika entdecken musste!“

 

Als besagter Tenor nach der Aufführung zu Knappertsbusch in die Garderobe kam und fragte „Sie waren doch mit mir zufrieden, Herr Professor?“, soll dieser wie aus der Pistole geschossen geantwortet haben. „Aber selbstverständlich! Ich hab mich nur gewundert, wie Sie mit dieser Schweinebande im Orchestergraben zurecht gekommen sind, die permanent einen Viertelton zu hoch gespielt hat!“

 

Thomas Voigt