Kindervorstellungen

Ich spüre beinahe noch den fest gebürsteten Seitenscheitel, die sauberen Fingernägel, das weiße Hemd und den Trachtenanzug. So saß ich bei einer dieser Vorstellungen neben meiner älteren Schwester in der ersten Reihe, direkt in der Mitte, direkt hinter dem Dirigenten – Madame Butterfly von Puccini war das. Es war gewaltig, ich erinnere mich, wie schön alles war, groß und aufregend. Der riesige Raum, die roten Samtbezüge der Sitze, die Bühnenbilder, Kostüme, die Musik und dann der Applaus. Und plötzlich stand die tote Frau vor dem Vorhang, war wieder lebendig, dabei war diese furchtbar traurige Frau Cho-Cho-San doch eben gerade gestorben, vor meinen Augen. Ich will damit sagen, dass Oper für mich wahrhaftig war, echt und ernst. So habe ich es empfunden und das ist in gewisser Weise bis heute so geblieben. Auch wenn ich als Darsteller arbeite, mir eine Rolle erarbeite, bleiben es echte Menschen und echte Gefühle um die es geht. Lustigerweise war meine Schwester gar nicht so sehr beeindruckt, im Gegenteil, sie meinte danach, die Sängerin hätte so geschwitzt, dass ihr die verlaufene Schminke hässlich übers Gesicht geflossen sei und da habe sie die ganze Zeit hingucken müssen.